Wie war der Mai? Und wie ist der Juni? - Bericht aus Porto

Porto war Ende Mai sommerlich.
Mit ehrlichem Bedauern habe ich vernommen, wie lange es noch kalt und ungemütlich war in Norddeutschland.

In Porto überschlägt sich das Grün. Und bis auf ein, zwei Tage mit 'ab und zu mal ein Schauer' gab es keinen Regen. Das ist die andere Seite: Es ist zu trocken. Hier im Norden, und im Süden erst recht.

1 Garten in Vairo

Was ich inzwischen gelernt habe, ist das 'lesen' der Wettervorhersage. Ein Wölkchen mit Regentropfen als Piktogramm heißt „vielleicht gibt es mal ein ein bisschen Regen heute“. Ein Wölkchen mit Sonne und Regentropfen heißt „Regen gibt es eher nicht“. Der kleine „Windbeutel“ zeigt an, dass es windig ist, zumindest am Strand, dass der Wind über die Praça da Liberdade fegt und dass es abends arg kühl wird. (die Praça; grammatikalisch ist „Praça“/ der Platz auf Portugiesisch DIE, weiblich)

Seit Ende April ist in Portugal ein sehr normales Leben möglich. Draußen sitzen, in den Cafes, den Restaurants, einkaufen, shoppen, spazieren....
Da fällt es kaum auf, dass draußen vor den Cafes und Restaurants nur 10 Personen zusammen sitzen dürfen und die Restaurants nur bis 23 Uhr geöffnet sind. Es finden Konzerte statt – im Konzertsaal ist aber nur jeder zweite Platz besetzt.

2 genieen

Noch ein Weilchen wurden täglich die aktuellen Zahlen der Neuinfektionen mit dem Covid19-Virus irgendwo in den Nachrichten gezeigt und die Anzahlen der Geimpften. Am allerwichtigsten ist jetzt wieder die nationale und regionale Politik, dieser und jener Skandal, dieser und jener Unfall. Vor allem jetzt kurz vor der EM nimmt aber sowieso Fußball den wichtigsten Raum ein.

„Kampftage“

„Kampftage“ - so nenne ich das. Zwei Daten der jüngeren portugiesischen Geschichte fallen zeitlich eng zusammen: der 25. April und der 1. Mai.
An diesen Tagen ist sehr spürbar, wie wichtig den portugiesischen Menschen ihre Freiheit ist und wie politisch sie im Herzen noch immer sind.

Der 25. April ist „Dia da Liberdade“ („Tag der Freiheit“) und bedeutete 1974 das Ende der Salazar Diktatur, die Portugal 40 Jahre erdrückt hatte. Vielleicht eher auch bekannt als „Nelkenrevolution“.

„25 de abril sempre“ („25. April für immer!“) wird skandiert, und Das Lied von José Afonso – Zeca Afonso - „Grândola Vila morena“ erklingt überall.

Im vergangenen Jahr 2020 durften wegen des damaligen Lockdown kein Aufmarsch stattfinden. Ein Bild, dass damals in Portugal durch die Presse ging, war der einsame Kämpfer mit der portugiesischen Flagge.

3 25 April 2020

Ich weiß, wie viel Traurigkeit in dem Foto liegt.

1979 war zum ersten Mal in Portugal. Gleich mittendrin, im Dorf, auf dem Land im Alentejo und mit den Menschen. Das hat meine Liebe zu Portugal geprägt. Und ich habe miterlebt, wie tief das Datum des 25. April in den Herzen der portugiesischen Menschen verankert war und ist.

4 24 april abds

Dieses Jahr war ich am 24. April zu einem Geburtstagstreffen eingeladen. Es hatte ein dramatisch schönes Gewitter gegeben. Als ich um halb 12 aus der Metrostation kam, um nach Hause zu gehen, schallte von der Praça da Liberdade Musik herüber. Eine große Menschenmenge stand trotz der regnerischen Nacht auf dem Platz vor einer Bühne (brav, mit Abstand und Maske). Ab und zu mussten die Regenschirme aufgespannt werden. Der Freude und dem Gesang tat es keinen Abbruch. Und natürlich erklang auch hier irgendwann am Ende des Konzerte die „Hymne der Revolution“, das Lied von Zeca, das in der Nacht vom 24. auf den 25. April 1974 das Startzeichen für die Nelkenrevolution war.

Auch am 1. Mai – „Dia do Trabalhador“ (Tag der Arbeit – ein internationaler Feiertag und so allgemein bekannt) war der Platz Ort einer Kundgebung. Für die großen Menschenversammlungen ist die Praça da Liberdade immer willkommen .

5 1 Mai

In vielen portugiesischen Städten waren Demonstrationszüge und Versammlungen angekündigt. Und auch in Porto trafen sich am Nachmittag des 1. Mai die Abordnungen der portugiesischen Gewerkschaften.
Vor dem 25. April 1974 gab es keine freien Gewerkschaften.

Am 1. Mai hatte ich mich früh auf die Praça begeben. Für eine Wartezeit wurde auf einer großen Filmleinwand eine Dokumentation über den Beginn und die Entwicklung der Gewerkschaften gezeigt. Aber worauf wurde gewartet? Darauf, dass der Demonstrationszug auf den Platz einzieht. Und ich war überwältigt von dem, was da passierte.

6 Dia Trabalhaor

Junge Menschen, Frauen, Männer. Mit Bannern, mit Flaggen, ihre Forderungen skandierend nach gleichem Lohn für Frauen und Männer, nach der 35-Stunden Woche, dass die Arbeitgeber die Arbeitsbedingungen unter den Pandemiebestimmungen besser erfüllen, Anerkennung der illegalen Arbeitskräfte.... „Nie wieder Faschismus“, „25. April für immer“ wurde gerufen. Und am Ende erklang auch hier natürlich das Lied von Zeca Afonso, der Ruf „Nie wieder Krieg, Frieden für immer“ und die portugiesische Nationalhymne.

7 Nie wieder Faschismus

Es war so beeindruckend für mich, diese Kraft und diese Energie zu spüren!

Im Juni

8a im Schatten sitzen

Jetzt im Juni ist der Sommer - sozusagen – unfraglich etabliert. Es ist die Zeit, sich häufiger wieder ein schattiges Plätzchen unterm Sonnenschirm des Cafes zu suchen. Das, was ich als Blumen und Blüten-Sommer in Deutschland für Juli kenne, findet hier in Portugal schon statt. Agapanthus und Lilien stehen in voller Pracht und die Rosen verschwenden ihre Fülle schon seit Anfang Mai.

9 Lilie 1 10 Lilie 2 11 Madonnenlilie

Die Zahlen der Covid Infizierten kamen noch einmal sehr ins Gespräch, den in Lissabon rauschten die Zahlen in die Höhe. Lissabon musste eine Stufe zurück im Desconfinamento, in der Lockerung des Lockdown.

Was war passiert? Sporting Lissabon hatte die Taça de Portugal gewonnen, ein Wettbewerb um den Pokal der Vereinsmannschaften und fast genau so wichtig wie die portugiesische Meisterschaft. 19 Jahren mussten sie darauf warten. Und der Freudentaumel war riesig. Als ich die Bilder der ausgelassenen Fans im TV sah, dachte ich sofort: „na, da werden jetzt die Infektionszahlen nach oben gehen“. Und so geschah es.

Und fast das Gleiche passierte wenig später in Braga, als Sporting Braga den Ligapokal gewann.

Es war also nicht alles „im grünen Bereich“. Aber es gab keinen Grund, für Portugal insgesamt etwas zu ändern.
Mit dem heutigen Datum (11. Juni) gibt es 519 Neuinfektionen insgesamt. Lissabon allein verzeichnet davon die Hälfte.

Das nächste große Ereignis war wieder dem Fußball geschuldet. Das Chamionslegue Spiel Manchester City Chelsea war nach Porto, ins Estadio do Dragão (Stadion vom FC Porto), verlegt worden.

13 Ankndigung am Stadion

Am Wochenende war die Baixa, das Touristenviertel in Porto, und die Ribeira am Ufer des Douro, überbevölkert und dichtgedrängt mit britischen Fußballfans. Ein paar lieferten sich schon im Vorfeld heftige Schlägereien.
Aber die meisten Fans tranken unglaublich viel Bier, freuten sich auf das Spiel und skandierten laut für welche Verein sie hofften. Masken waren kaum zu sehen.

Wieder einmal war die Praca da Liberdade ein Ort der Menschenmenge, diesmal eingezäunt. Die Fans von Man-City an einem anderen Ort als die von Chelsea, zur Eintrittskarte war ein aktueller Negativtest Nachweis notwendig.

14 ManCity Manchester

Bereits direkt nach dem Spiel reisten viele der britischen Fans wieder ab.

 

15 der Rest vom Fest

Am Montag jedenfalls war alles „wie immer“. Und auf dem Aliados war es angenehm ruhig. Allerdings wurde Portugal direkt danach von Großbritannien von der grünen Liste genommen. In Portugal wurde das sarkastisch dokumentiert: „und das nachdem sie die britischen Fußballfans zum Championsleague - Spiel hergeschickt haben“.

Vom nächsten Schritt der Lockerung vom Lockdown sind immer noch Braga, Lissabon und zwei weitere Bezirke ausgenommen. Ansonsten gilt jetzt, dass die Restaurants wieder bis 1:00Uhr nachts geöffnet sein können und alle Läden ihre übliche Öffnungszeit wieder aufnehmen, sowie einige Änderungen für öffentliche Veranstaltungen. Für den kommenden Feiertag – São João, sozusagen der „Ortsheilige von Porto“ - wir an die strenge Einhaltung von Distanz und Hygieneregeln appelliert.

16 Manjeirico

Übersetzung: „Eine der schönsten portugiesischen Traditionen ist es, einen Topf mit Manjericão (Balsamico) zu senden – in Lissabon zu Santo Antónion, in Porto zu São João - und alles Gute zu wünschen, was das Leben zu geben hat. Hier kommt der Deine mit viel Zuneigung!“ Der Manjerico duftet lange ganz wunderbar!

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