Bericht aus Porto - März 2021

01 Parktor

Aufbruch – und andere Rückschritte

Der März ist ja immer der Monat, der nach Beginn und Frühling duftet. Mir ist ein paar Mal das alte Lied „Im Märzen der Bauer...“ eingefallen. Vor allem, wenn ich von meinen Freundinnen uns Freunden aus Deutschland Anfang März nach geschätzten tausend Schneebildern auch mal die Fotos von beginnenden Frühling bekam.

Auch wenn Anfang März wegen des hiesigen Lockdown die meisten Parks noch geschlossen waren (da haben sogar die Pfauen, die im Park „Jardins do Palacio de Cristal“ leben, auf der Außenmauer gesessen. Wahrscheinlich um zu sehen, ob es die Menschen noch gibt). 

02 Pfau

Meine Fotos aus Portugal bilden schon seit Wochen den blauen Himmel ab. Und ich laufe schon seit Wochen wieder ohne Socken. Nur die Abende sind  oft fröstelig, weil der kalte Wind durch die portuenser Baixa Viertel weht oder über den großen Platz vom Aliados fegt. Eins ist allerdings klar: von jetzt an gibt es keine kalten Tage mehr!

03 gruen 1

05 lila

Unaufhaltsam drängelte alles Grün und Bunt. In unglaublich intensiven Farben sprüht der Frühling. Eine Schneeglöckchen-Krokus-Zeit wird hier übergangen, es geht gleich mit Tulpen los. Die jetzt, Ende März längst ausgeblüht sind. Und seit fast einer Woche bieten die Bäume wieder ein grünes Blätterdach.

06 plakat

Der Frauentag am 8. März wurde mit einem „Greve feminista“ einem feministischen Streik angekündigt. Das ist meistens eine Versammlung auf dem großen Platz vorm Rathaus von Porto. Die Forderungen auf dem Plakat sind knackig. Und so war auch die 'Demo'. Feminismus ist jung in Porto. Und hat keine Scheu davor, dass sie von Männern unterstützt werden.

07 frauen demo

08 Maenner fuer Frauen

Ich habe an 'uns', damals, denken müssen. Und war ganz angetan davon, zu erleben, wie viel Kraft und Mut die jungen Frauen haben. Sie und die Sexarbeiterinnen, die transgender Menschen, die Väter mit den Kindern, haben gemeinsam eine laute Kundgebung gehalten.
Im Fernsehen gab es Berichte solcher Versammlungen aus anderen Städten. Der Tag wird sehr ernst genommen. Und am nächsten Tag war noch auf dem Display im Bus (auf dem die Haltestellen angekündigt werden) zu lesen „Für uns ist auch heute Frauentag. Danke dass ihr da seid!“

Zum Wochenende darauf (12. März) wurde vom Parlament das beschlossene  „Desconfinamento“ frei gegeben, also die Öffnung des Lockdown, in vier Schritten.

Da bekam das Gefühl von Aufbruch richtig Schwung. Am Samstag und Sonntag waren bei den kleine Cafés und den Restaurants die Fenster und Türen geöffnet, es wurde geschrubbt und geputzt, Gläser gewischt, die Stühle aus der Versenkung geholt. Und es duftete nicht nur nach Frühling sondern es roch nach dem Neubeginn!

Jetzt kann ich also seit dem 15. März wieder einen Café an der Ladentür bekommen. Nur habe ich noch keine Möglichkeit, mich damit hinzusetzen, es sei denn ein Mäuerchen ist in der Nähe oder eine Parkbank. Die Parks sind wieder offen. Die ohnehin inzwischen stark ignorierten Flatterbänder mit „Restricted Area - ….. „ sind verschwunden. Und die Bänke und Stühle und Tische sind auf dem „Praça da Liberdade“ zurück gekommen. Welches Aufatmen!

09 wieder da

Auch darf bei einigen Läden wieder „über den Türtresen“ verkauft werden. Nur auf Schuhe und Bekleidung müssen wir noch warten. Und der Sportartikelladen hier um die Ecke hat auch weiterhin die Winterjacken im Schaufenster. Die wahrscheinlich langsam verstauben.

10 Schaufenster

Nicht nur in der Zeit des Lockdown war in Porto ein auffällig intensiver Baubetrieb. Es wir sowieso gebaut, was das Zeug hält. Aber diese Periode wurde von einer Vielzahl der Läden genutzt, um zu renovieren und neu zu gestalten.

In der jetzt vergangenen Woche entstehen im Auf und Ab der Straßen viele kleine dieser Terrassen ähnlichen Sitzflächen, Esplanaden. In der zweiten Phase des Desconfinamento dürfen nämlich Café's und Restaurants, die eine Außensitzfläche haben, Personen bewirten – bis zu vier an einem Tisch! (wahrscheinlich ab 5. April – ganz sicher ist das noch nicht).

11 normales leben

In der vergangenen Woche wurde vom Präsidenten die Verlängerung des „Estado de Emergencia“, also die „Notstandsituation“ des Landes bis zum 15. April verkündet. Das bedeutet, dass erst am 1. April die nächsten Schritte evaluiert werden sollen. Erst dann wird anhand der gesicherten Daten aus den vergangenen 15 Tagen die zweite Phase der Öffnung betätigt werden können*. Ansonsten bleibt es so, wie es jetzt im Moment ist.

Dazu gehört auch, dass bisher noch weiterhin am Wochenende nicht erlaubt ist, das Gemeindegebiet – das 'Conselho' - zu verlassen und auch die Anzahl der Menschen, die sich innerhalb der Wohnungen treffen dürfen, bleibt weiterhin beschränkt.

Die Kirchen, die im Januar freiwillig auf Präsenz-Gottesdienste verzichtet hatten, werden zu Ostern geöffnet sein. Und mit einer schriftlichen „Befugnis für Reisen“ können auch Menschen von Außerhalb ihre Kirche besuchen.

Ich habe mich auf jeden Fall schon mal für den 5. April mit einem portugiesischen Freund in meinem Lieblings Café verabredet; wenn nach Ostern eben doch die zweite Phase des Desconfinamento beginnt.

Es ist ein gutes Gefühl, hier in Porto.
Der Umgang mit der Pandemie ist wenig aufgeregt.... Abgesehen davon - und das muss ich so bei mir auch feststellen  -  der Mensch gewöhnt sich an Vieles! Manchmal genieße ich es geradezu, dass die Stadt so ohne Touristen ist und das geruhsame portugiesische Leben Platz hat.

Aber was ist mit meinem deutschen Zuhause?

Für April gab es für mich Arbeit in Deutschland. Ja, ich flieg zum Arbeiten nach Deutschland; und kann meine Familie und Freunde und Freundinnen mal wieder sehen. Das hörte sich ganz entspannt an. Alles 'eingetütet', der Flug ist gebucht.

Aber dann wurden/ werden die Nachrichten aus Deutschland zusehends schlechter.
Und wie ein Déjà-vu  passiert das Gleiche wie im vergangenen Jahr: alle meine Seminare werden abgesagt!
Und dazu höre ich meiner Freundinnen und Freunde, die sich in einer dauerhaft überanstrengten Situation fühlen. Ich spüre bis hier die Ratlosigkeit. Und das ist ein krasser Gegensatz zu meinem Leben hier.

Manchmal, wenn ich die deutschen Nachrichten gelesen habe und hier in Porto aus der Haustür in die warme Sonne trete - vielleicht zum Einkauf im Markt oder Supermarkt, zum kleinen Früchteladen, zum Spazieren... dann muss ich erst mal sortieren: Was darf ich nochmal? - und was nicht???
Jedes Mal fliegt mir dann das Lächeln ins Gesicht, wenn ich unten an der Kreuzung ein normales Leben sehe, einschließlich der Bauarbeiten, einschließlich der belaubten Bäumen, Menschen, Sonne.

12 metrostation Trindade

Es ist wahrhaftig nicht alles gut oder besser in Portugal. Portugal hat die gleichen wirtschaftlichen Probleme wie alle Nationen. Eine hohe Arbeitslosigkeit, weil so viel Menschen ihre Arbeit nicht mehr ausüben können oder ganz verloren haben (die Arbeitslosenzahlen sind auf dem gleichen Stand wie 2017)*. Die portugiesische Fluglinie TAP genauso wie die Besitzer der kleinen Läden und der gesamte Tourismusbetrieb – alle stöhnen unter dem wirtschaftlichen Druck.
(siehe dazu „Martfeld life“, Ausgabe Ostern 2021 Artikel „Porto ist auch arm“)

Aber der entspannte und freundliche Umgang mit den Covid-Regelungen hier ist beeindruckend. Die Polizeipräsenz ist unterschiedlich stark. Manchmal steht in der Zeitung, dass sie Feste „mit hundert Teilnehmenden“ beendeten, die völlig gegen die Covid Regelungen verstoßen haben. Aber auch wenn an den Flaniermeilen und am Strand ein großes Aufgebot an Polizeiwagen steht oder auf den Straßen kontrolliert wird, gibt es nicht viel Ärger: die Menschen halten sich an die Vorschriften.

Und ich habe es kein einziges Mal erlebt, dass es unfreundlich zuging bei Kontrollen. Die beiden Herren, die sich schon letzte Woche am Strand in die Sonne gelegt hatten, wurden von zwei lachenden Polizisten in Ihre Kleidung verwiesen mit den Worten: „Na, nun wartet mal noch zwei, drei Wochen“.


* Angaben aus „Jornal de Noticias“, 27.03.21

Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.